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Gesunde Skepsis ist eine Tugend, die jeder guten Wissenschaft zu eigen
ist: Unvoreingenommene Forschung, kritische Untersuchung und Prüfung der
eigenen Ergebnisse, dazu eine schlüssige Beweisführung und eine Offenheit
gegenüber eventuell auftretenden Anomalien, welche die Theorie nach und nach
entweder untermauern oder aber entkräften – all das erwartet man von
ernstzunehmender Naturwissenschaft. Ein nicht skeptischer, also dogmatischer
Geist hat in den Wissenschaften keinen Platz. So sollte es zumindest sein.
Doch schaut der moderne Wissenschaftsbetrieb wirklich skeptisch und
selbstkritisch auf seine ihm zugrundeliegenden Annahmen? Wird die
materialistische Weltsicht, die sich seit dem 17. Jahrhundert entwickelt hat,
hinterfragt? Oder ist dies der „blinde Fleck“ der Wissenschaften, das eigene
Dogma?
Rupert Sheldrake beschreibt diese materialistische Weltsicht in seinem
neuen Buch „Der Wissenschaftswahn“ als etwas, das eigentlich keine überprüfbare
wissenschaftliche Theorie darstellt, sondern eher als „Maschinenmetapher“
bezeichnet werden sollte. Eine bloße Metapher, die dazu dient, die komplexen
Vorgänge der Welt in ein uns zugängliches Bild zu kleiden. Gleichzeitig macht
Sheldrake überzeugend klar, dass dieses Bild, welches erstmals in Europa mit
Denkern wie René Descartes entstand, aus heutiger Sicht nicht mehr treffend ist
und darüber hinaus die moderne Forschung eher hemmt.
Das Bild der Welt als riesiges Uhrwerk, das nach ehernen Gesetzen funktioniert,
ist längst überholt, liegt aber dennoch vielen Forschungszweigen zugrunde, die
weiterhin darauf abzielen, dieses Uhrwerk in seine Einzelteile zu zerlegen und
nutzbar zu machen. Dass bei diesem Versuch immer auch zerstörerische Tendenzen
entstehen, ist wohl unbestritten.
Sheldrake beschreibt das Universum stattdessen als einen wachsenden und
sich entwickelnden Organismus – auch dies eine Metapher, aber eine, die uns
einen tieferen Blick schenken kann und im Eintauchen in die Geheimnisse des Lebens,
welche auch unser Leben erfüllen, Ehrfurcht und Wertschätzung hervorruft und
achtsames Handeln bewirkt. Wir stehen keinem Uhrwerk gegenüber, das wir von
außen untersuchen, sondern betrachten als Organismus (Mensch) innerhalb eines
größeren Organismus (Universum) diesen sozusagen von innen.
Ausgehend von dieser Weltsicht befasst sich Sheldrake in seinem
faszinierenden Buch mit Fragen nach der eigentlichen Lebenskraft, nach dem
Ursprung des Bewusstseins und der Ausrichtung der Evolution. Uneingeschränkt
von jedweder Denkbarriere hinterfragt er Vorurteile zu unerklärlichen
Phänomenen und zu alternativen Heilmethoden, entlarvt Schwindel und Täuschung
im Wissenschaftsbetrieb sowie eine selektive Veröffentlichungspolitik seitens
wissenschaftlicher Fachorgane, die uns einen mechanistischen Konsens nur
vorgaukeln.
Ein Buch als Plädoyer für einen offenen Blick, wenn man so will für den
wissenschaftlichen „Anfänger-Geist“ im Sinne des Zen, das eine Zukunft der
Wissenschaften entwirft, die immaterielle Prozesse nicht mehr länger ignorieren
kann, in Dialog mit den Weisheitstraditionen der Menschheit tritt und dem Leben
dient. Es gibt viel zu entdecken…
Dirk Grosser
Der
Wissenschaftswahn
Warum der Materialismus ausgedient hat